Geteilte Bibliothek. Eine schwarze Linie kennzeichnet den Grenzverlauf in der Haskell Free Library zwischen Derby Line (USA) und Stanstead (Kanada). © Keystone/AP Toby Talbot
Geteilte Bibliothek. Eine schwarze Linie kennzeichnet den Grenzverlauf in der Haskell Free Library zwischen Derby Line (USA) und Stanstead (Kanada). © Keystone/AP Toby Talbot

Buch In Beton gegossene Furcht

Von Maik Söhler. Erschienen in «AMNESTY – Magazin der Menschenrechte» von März 2019.
Tausende Kilometer an Mauern und Hochsicherheits-Grenzzäunen trennen Arme von Reichen und Ohnmächtige von Mächtigen. Ein neues Buch zeigt: Das muss nicht so bleiben.

Wenn US-Präsident Donald Trump mal wieder «seine» Mauer preist, die errichtet werden soll, um an der Grenze zu Mexiko die Migration zu stoppen, dann spricht er immer auch vom US-Bundesstaat Arizona. Denn an dessen Aussengrenze verliefe in Zukunft ein Teil des Bauwerks, und schon jetzt gibt es allerlei Hochsicherheitsanlagen zum Grenzschutz. Das bedeutet auch: Man kennt sich dort aus mit dem Wunsch der einen, Grenzen zu überwinden, und dem Wunsch der anderen, dies zu verhindern. Im Bewusstsein dieses Widerspruchs sagt Janet Napolitano, die ehemalige Gouverneurin Arizonas: «Zeig mir eine 50 Fuss hohe Mauer, und ich zeige dir eine 51 Fuss hohe Leiter.»

Dieses Zitat findet sich in «Ausgeschlossen. Eine Weltreise entlang Mauern, Zäunen und Abgründen», einem im Herbst 2018 erschienenen Buch, herausgegeben von Marc Engelhardt. Er gehört – wie alle AutorInnen des Bandes – zum AuslandskorrespondentInnen- Netzwerk Weltreporter.net. «Ausgeschlossen» besteht überwiegend aus Reportagen, die in Grenzregionen entstanden sind, geht aber darüber hinaus und beschäftigt sich auch mit längst gefallenen Mauern, «Mauern in den Köpfen», Bunkeranlagen und «Gated Communities». Engelhardt betont im Nachwort: «Fast alle Mauern, die die Weltreporter für dieses Buch bereist haben, trennen Arme von Reichen, Mächtige von Ohnmächtigen, Privilegierte von Unterprivilegierten.»

Knapp 60 Prozent aller Mauern und Grenzanlagen haben derzeit zum Ziel, Migration zu verhindern, schreibt der Herausgeber. Die USA und die Europäische Union arbeiteten intensiv daran, diesen Prozentsatz weiter zu erhöhen. Wenn aber die USA mal nach Norden und die EU in ihr Inneres schauten, sähen sie, wie vergänglich Mauern, Starkstromzäune und Drohnenüberwachung sind.

Eine der besten Reportagen des Buchs spielt im Lesesaal der Bibliothek Haskell Free Library, durch den die Grenze zwischen Stanstead in Kanada und Derby Line in den USA verläuft. Hier existierte bis 9/11 eine fast nur symbolische Trennung, und die Menschen beiderseits der Grenze arbeiten daran, dass dies wieder so wird.

Ebenso lesenswert sind Texte über die bröckelnde «Friedensmauer in Belfast», Nordirland, und zur überwundenen innerdeutschen Grenze.

«Ausgeschlossen» ist vor allem deswegen ein hervorragendes Buch, weil es die vielen Wechselwirkungen von Politik, Gesellschaft, Ökonomie, Kultur und Geschichte stets im Blick behält. «Mauern sind in Beton gegossene Furcht. Aber wo Mauern sind, entstehen Tunnel», wissen die AutorInnen. Ein anderer starker Gegner von Sicherheitsbauwerken ist der Zahn der Zeit. Und auch die Globalisierung und der Klimawandel machen selbst vor strengen Grenzregimen mit grossen Sicherheits- und Propagandaapparaten nicht halt. Dynamische Diplomatie und internationale Kooperation sind nationaler Isolation und starren Festungen meist überlegen, egal ob sie sich an den Grenzen der EU nach aussen oder in der Türkei als Gefängnismauern nach innen richten. Die WeltreporterInnen müssen kein Plädoyer für das Recht auf Bewegungsfreiheit formulieren. Es ergibt sich aus dieser «Weltreise entlang Mauern, Zäunen und Abgründen» ganz von selbst.