Kerem (links) mit Elias (auf dem Laptop), Mazin (nicht im Bild) und Christian (rechts) im Gespräch. © Ralf Kaminski
Kerem (links) mit Elias (auf dem Laptop), Mazin (nicht im Bild) und Christian (rechts) im Gespräch. © Ralf Kaminski

LGBTI* «Der Islam wird missbraucht, um kulturelle Dogmen zu begründen»

Von Ralf Kaminski. Erschienen in «AMNESTY – Magazin der Menschenrechte» von März 2019.
Viele islamische Länder und Gesellschaften tun sich schwer mit LGBTI*. Wir haben mit vier Muslimen Diskutiert, weshalb das so ist – und was es für eine Besserung bräuchte.
AMNESTY: Weshalb ist es für viele LGBTI*, die in der islamischen Welt oder in muslimischen Familien aufwachsen, so schwierig, zu sich zu stehen und offen zu leben?

Elias: Aus meiner Sicht handelt es sich dabei weniger um ein religiöses als um ein kulturelles Problem. Mir fiel schon früh auf, dass der Islam historisch recht offen war gegenüber Homosexualität – weil mich interessierte, weshalb sich das geändert hat, habe ich meine Bachelorarbeit darüber geschrieben. Homosexuelles Verhalten war in der islamischen Frühzeit weit verbreitet und wurde nicht gross problematisiert, davon zeugen auch viele kulturelle Werke. Die Lage änderte sich aus zwei Gründen: Homosexualität wurde im 19. Jahrhundert von einem Verhalten zu einer Identität, und die europäischen Kolonisten brachten diese Kategorisierung mit in den islamischen Raum – zusammen mit ihrer negativen Haltung und teils harschen Verboten, die zumindest teilweise übernommen wurden. Im Koran hingegen lassen sich keine konkreten Aussagen zu Homosexualität finden, einzelne Passagen können allenfalls in diese Richtung interpretiert werden. Heutige Machthaber in islamischen Ländern argumentieren fast überall gleich: Sie behaupten, Homosexualität sei ein westlicher Import, etwas, das es in ihren Kulturen nicht gebe. Was natürlich Unsinn ist. Aber es besteht im Nachgang der Kolonialzeit ein grosses Bedürfnis, sich von Europa zu distanzieren – und sexuelle Freiheit wird als westlicher Wert betrachtet.

Seht ihr das auch so: Das Problem ist nicht die Religion, sondern die Kultur?

Christian: Absolut. Der Islam wird missbraucht, um kulturelle Dogmen und Verbote zu begründen und Minderheiten zu marginalisieren. Homosexualität wird auch gerne als Sündenbock für alle möglichen Übel gesehen. Auf LGBTI* in diesen Ländern lastet also enormer Druck.

Kerem: Ein Hauptproblem ist das weit verbreitete Unwissen unter Musliminnen und Muslimen. Sie wissen nicht, dass Homosexualität in der islamischen Frühzeit kein Problem war, sie setzen sich nicht intensiv genug damit auseinander, um zu erkennen, dass das, was ihnen von Imamen und Machthabern erzählt wird, schlicht falsch ist. Eine Aufklärung in diesen Bereichen wäre dringend nötig. Aber viele Moscheen und religiöse Institutionen tun dies nicht, weil sie fürchten, dadurch Macht und Einfluss zu verlieren.

Mazin: Schön und gut, aber gibt es nicht doch auch religiöse Gründe? Aus meiner Sicht finden sich Passagen im Koran, etwa bei der Geschichte von Lot und Sodom, aus der sich eine Ablehnung der Homosexualität klar herauslesen lässt.

Christian: Das ist letztlich eine Frage der Interpretation, die Geschichte selbst ist in diesem Punkt sehr vage. Im gesamten Koran findet sich keine klare Ablehnung von Homosexualität.

Und doch wird es schwierig, wenn alle den Text nach den eigenen Interessen auslegen…

Mazin: Genau. Und obwohl ich an sich einverstanden bin mit der Einschätzung, dass die negative Haltung gegenüber LGBTI* vor allem kulturell begründet ist, gibt es eben auch für Muslime verbindliche ergänzende Texte zum Koran, Aussagen des Propheten, die eine solche negative Interpretation zulassen und um die man als Gläubiger eigentlich nicht herumkommt.

Kerem: Der Interpretationsspielraum dafür besteht ganz klar. Aber gemacht wird es eben nicht aus theologischen, sondern aus gesellschaftlichen Gründen.

Christian: Hintergrund von all dem ist auch ein grosser Minderwertigkeitskomplex. Jahrhundertelang dominierte die arabische Zivilisation diesen Teil der Welt, wissenschaftlich, kulturell, militärisch. Diesen Dominanzverlust zu verdauen, ist nicht einfach. Deshalb ist die Abgrenzung zum Westen so wichtig.

Kerem: Erschwert wird eine Veränderung auch durch das Verhalten gegenüber Autoritäten. Sie werden kaum in Frage gestellt und haben deshalb enorme Macht, egal ob religiös oder staatlich. Und leider gibt es kaum mutige Gelehrte in diesen Positionen, die es wagen, diese traditionellen Vorstellungen und Lehrmeinungen zu kritisieren.

Elias: Wer es wagt, althergebrachte Positionen anzuzweifeln, wird schnell aggressiv beschuldigt, «den Islam» verändern zu wollen. Und die Ablehnung von Homosexualität ist so verbreitet, dass es als Frevel gilt, dies auch nur in Frage zu stellen.

Mazin: Wenn ich zurückdenke an die Zeit, als ich ein verwirrter Teenager in Saudi- Arabien war, hätte mir all das nicht weiter geholfen bei meinen damaligen Ängsten, dem Selbsthass, den Selbstmordgedanken. Christian: Der Punkt ist doch: Wir müssen einen Weg finden, miteinander zu koexistieren, egal welcher Interpretation wir anhängen. Zu verändern, wie jemand über diese Dinge denkt, ist nahezu unmöglich. Aber ihn dazu zu bringen, neben seiner auch andere Sichtweisen zuzulassen, das müsste zu schaffen sein.

Kerem: Es gibt zwei Wissenschaftler, die auf die Kernwerte des Islams fokussieren und jedes Jahr mit dem «Islamicity»-Index messen, in welchen Ländern diese am stärksten verwirklicht sind. 2017 stand Neuseeland an erster Stelle, die Schweiz auf Platz 5, Deutschland auf Platz 12. Das erste kulturell islamische Land, Malaysia, findet sich auf Platz 43, Saudi-Arabien auf Platz 88. Das illustriert sehr schön den Unterschied zwischen den eigentlichen religiösen Werten des Islam und seiner kulturellen Ausprägung in den einzelnen Ländern. Auch wenn die Kalkulationen natürlich umstritten sind.

Mazin, wie lief das genau mit deinem Coming-out?

Mazin: Ich ahnte schon sehr früh, dass ich schwul bin, sah dies jedoch als grossen Makel und bemühte mich deshalb umso mehr, überall sonst perfekt zu sein. Nicht nur war ich deshalb ein exzellenter Schüler, ich nahm auch die Religion sehr, sehr ernst. Erst mit 20 wurde sie weniger wichtig, und ich fing an, meine Sexualität freier zu erkunden. Aber ich hasste mich dafür, auch weil Schwule in der saudischen Gesellschaft geradezu verachtet werden. Ich entwickelte Depressionen und liess mich fünf Jahre ärztlich behandeln. Erst später begann ich, mich mit meiner Sexualität wohler zu fühlen. Ich entdeckte online viele Informationen und bestellte Bücher aus dem Ausland. Nach und nach akzeptierte ich mich, die Depressionen verschwanden.

Kerem, bist du schon mit deiner heutigen Haltung aufgewachsen, oder hat sich die entwickelt?

Kerem: Ich bin traditionell aufgewachsen. Wäre ich damals mit einem Schwulen konfrontiert worden, hätte ich seine reine Existenz als Angriff auf meine Identität gesehen. Noch vor vier Jahren hätte ich wohl aggressiv auf einen Schwulen reagiert, der mit mir geflirtet hätte – heute nicht mehr. Für mich ist der Koran eine Richtschnur in allen ethischen und moralischen Fragen. Und irgendwann habe ich realisiert, dass es darin keine Grundlage gibt für die traditionell vorherrschenden Lehrmeinungen zur Homosexualität. Letztlich haben der Koran selbst und mein Verständnis, wie er zu lesen ist, zu meiner heutigen positiven Haltung gegenüber LGBTI* geführt – und mir geholfen, die kulturell erlernte Negativität zu überwinden. Dazu beigetragen hat vielleicht auch, dass ich Mathematik studiert habe und es deshalb gewohnt bin, Themen rational und logisch anzugehen.

Elias, wie kamst du als Hetero darauf, über den Umgang mit LGBTI* im Islam eine Bachelorarbeit zu verfassen?

Elias: Zu Beginn war mir das Thema nicht sehr nahe, weil ich im Umfeld niemanden kenne, den dies direkt betrifft. Aber ich bin ohne Vorurteile aufgewachsen und habe dann im Studium realisiert, dass sich anhand von Homophobie viele Probleme aufzeigen lassen, mit denen die islamische Welt heute ringt.

Christian, weshalb bist du ausgerechnet zum Islam konvertiert?

Christian: Ich bin als deutscher Protestant in Nürnberg aufgewachsen und hatte mit 19 mein Coming-out. Fast gleichzeitig bin ich aus der Kirche ausgetreten, weil mich die nicht abgeholt hat, wo ich war. Der Islam hat mich schon damals eigentlich angesprochen, aber als schwuler Mann fand ich ihn nicht sonderlich einladend. Und so lebte ich lange als Monotheist für mich selbst, gläubig, jedoch nicht eingebunden in eine bestimmte Religion. Später kam es dann zu metaphysischen Erlebnissen, die mich 2017 doch noch zum Islam führten, weil ich realisierte, dass es auch einen Weg gibt, ihn progressiv und inklusiv zu leben. Die Imam-Ausbildung habe ich dann begonnen, weil ich muslimische LGBTI*-Menschen unterstützen wollte, was ich heute tue.

Gibt es islamische Länder, in denen die Lage für LGBTI* besser ist als in Saudi-Arabien?

Elias: In Marokko und besonders in Tunesien geht es in die richtige Richtung – noch nicht rechtlich, aber im Alltag. In Casablanca gibts sogar Schwulenbars, nicht offiziell, aber die ganze Stadt weiss, wer sich dort trifft. Der Libanon gilt ebenfalls als relativ offen und frei, sogar in der arabischen Welt hat er dieses Image. Christian: In diversen Ländern scheint «Don’t ask, don’t tell» ganz gut zu funktionieren. Solange man es nicht offiziell macht, ist viel möglich, sogar Partys.

Kerem: In Pakistan wird seit Kurzem ein drittes Geschlecht anerkannt, damit sind sie weiter als viele westliche Länder. Auch im Iran gibt es in den Debatten unter den Theologen Signale von grösserer Offenheit. Es tut sich mehr, als man hier gemeinhin mitbekommt.

Was bräuchte es, damit sich die Lage in allen islamischen Ländern bessert?

Mazin: Ein besseres Verständnis der eigenen Religion, mehr Spielraum, nicht alles so hinnehmen zu müssen, wie es derzeit ist.

Elias: Mehr historisches Wissen und Bewusstsein über die eigene Kultur würde helfen. Ganz wichtig wäre es auch, Kritik gegenüber religiösen Autoritäten zuzulassen.

Christian: Die Dinge bewegen sich schon, wir haben heute etwas Mächtiges, das es früher nicht gab: moderne Technologien. Auch jemand in einem abgelegenen Bergtal in Pakistan hat mithilfe des Internets Zugang zu Wissen und Menschen auf der ganzen Welt. Online entdecken LGBTI* plötzlich Rollenmodelle, an denen sie sich orientieren können. So hat auch ein schwuler Muslim aus Somalia plötzlich Zugang zu einem progressiven, inklusiven Islam.

Kerem: Wir müssten das Thema in Moscheen und religiösen Gemeinschaften viel aktiver aufgreifen – und so Aufklärung betreiben. Die Herausforderung ist, dass die Probleme in der islamischen Welt auf so vielen Ebenen bestehen: politisch, theologisch, gesellschaftlich, kulturell und individuell. Es muss möglich werden, Institutionen des Glaubens zur Rechenschaft zu ziehen. Wir brauchen eine Diversifikation von Meinungen anstelle des heutigen Einheitsbreis: Einheit in der Vielfalt statt Stillstand in der Einfalt. Diese Vielfalt muss geübt, gelehrt und vorgelebt werden.

Christian: Ironischerweise könnte die Religion dabei helfen, dorthin zu kommen. Wir müssten uns nur wieder darauf besinnen, worum es im Kern beim Islam geht – und bei allen grossen Buchreligionen: um Liebe, Frieden und Akzeptanz von allen Menschen. Das sind die Werte, auf die wir fokussieren sollten. Und vergessen wir nicht: Überall, wo Menschen sind, da ist auch Hoffnung.

 

Dieses Gespräch erschien in einer längeren Fassung in der Dezember-Ausgabe des Magazins von Queeramnesty.
Queeramnesty arbeitet als Teil von Amnesty Schweiz speziell zum Themengebiet «Sexuelle Orientierung und Geschlechtsidentität». Die Mitglieder engagieren sich seit 1997 ehrenamtlich für die Rechte von LGBTI*.
queeramnesty.ch


Das gesamte Gespräch finden Sie auf: qai.ch/islam