Schweigsame Männer: Cesare (3. v. r.) an der Beerdigung seines Neffen. © Cineworx
Schweigsame Männer: Cesare (3. v. r.) an der Beerdigung seines Neffen. © Cineworx

Film Verschlungene Pfade

Von Ulla Bein. Erschienen in «AMNESTY – Magazin der Menschenrechte» von März 2019.
Als Davide Longo 2004 in Italien seinen Roman «Il mangiatore di pietre» vorlegte, waren Fluchtbewegungen kaum ein Thema in Europa. Auch die jetzt erscheinende Verfilmung siedelt sich in der Vergangenheit an. Es geht darin um das Moralverständnis eines Schleusers, der sich als Fluchthelfer und nicht als Menschenhändler sieht.

Nach Verbüssen einer Gefängnisstrafe ist der Schmuggler Cesare in sein Heimatdorf zurückgekehrt, das in einem abgelegenen Tal im Piemont liegt. Er ist Witwer, seine Frau Adele starb während seiner Haftzeit. Mit seinem Neffen Fausto, dem er früher die Pfade durch das Gebirge und über die Grenze gezeigt hatte, spricht er nicht mehr. Denn mit dessen Entschluss, die Schieberei auch auf Drogen auszuweiten, ist er überhaupt nicht einverstanden. Doch das gesamte Schmugglerhandwerk hat sich geändert: «Niente memoria, niente odio, niente principi», keine Erinnerung, kein Hass, keine Prinzipien, wie ein Mafioso aus Turin in einer starken Szene anmerkt. Also verdient Cesare seinen Lebensunterhalt jetzt mit Gelegenheitsarbeiten.

Zurückgezogen lebt er hauptsächlich in Erinnerungen an Adele, begleitet nur von der Wolfshündin Micol. Bei einem abendlichen Gang in die Berge entdeckt er die Leiche Faustos in einem Fluss und meldet den Mord umgehend der Polizei. Aus Mailand reist daraufhin die Ermittlerin Sonia Di Meo an. Sie hat es nicht leicht, aus den verschlossenen Dorfbewohnern Worte zu locken.

Auszeit auf dem Motorrad

Der zweite Protagonist in diesem Film ist der jugendliche Sergio, der allein mit seinem Vater auf einem Hof lebt. Die Mutter hat die Familie verlassen. Sergio bleibt wenig Zeit für sich, die verbringt er gerne auf seinem Motorrad. Als er auf einem verlassenen Gut eine kleine Gruppe Geflüchteter entdeckt, entscheidet er rasch, ihnen zu helfen. Bald ist ihm klar, dass die benötigte Unterstützung nur beim eigenbrötlerischen Cesare zu holen ist. So verschränken sich die Geschichten der beiden Männer.

«Il mangiatore di pietre» ist weit entfernt vom sogenannten Wohlfühlkino. Alle filmischen Mittel werden ausgeschöpft, um die Enge des Dorfs und die Ausweglosigkeit der Menschen erfahrbar zu machen. Starke Bilder entstehen, wenn Cesare mit anderen Steingängern, wie die Schleuser wegen ihres Initiationsritus genannt werden, zusammenkommt.

Der Film zeigt eine Männerwelt. Frauen sind entweder Projektionsfläche für Verklärungen, Erinnerungen oder Wünsche, oder ihnen wurde eine Nebenrolle zugewiesen. Selbst Ursina Lardi als Ermittlerin Sonia Di Meo wird wenig Tiefe der Persönlichkeit zugestanden. Auch die geflüchteten Menschen sind eher Mittel zum erzählerischen Zweck. Anrührend ist durchaus, wie der junge Sergio das Elend dieser Menschen begreift und sie mithilfe von kleinen Gaunereien mit Lebensmitteln versorgt. Der eigentliche Mittelpunkt des Films ist aber wohl die schroffe wie auch faszinierende Bergwelt.