© Murad Subay
© Murad Subay

Jemen: Der ignorierte Krieg Bilder in Trümmern

Von Cornelia Wegerhoff. Erschienen in «AMNESTY – Magazin der Menschenrechte» vom März 2019.
Murad Subay macht Krieg und Unterdrückung im Jemen zum Thema seiner Street-Art-Aktionen.

Die Überreste einer Hauswand in Jemens Hauptstadt Sanaa, an einer Ecke schwarz verkohlt, weil jemand davor einen Müllhaufen in Brand gesetzt hat. «Das ist aber keine Kriegsruine», stellt Murad Subay klar, als er das Foto auf seinem Laptop zeigt. «Da wurden aus anderen Gründen Häuser abgerissen.» Der 31-Jährige möchte nicht, dass die Szenerie falsch gedeutet wird, womöglich «zu pathetisch», wie er sagt. Die Lage in seiner Heimat sei dramatisch genug. «Ich male oft auf Ruinen. Sie sind für mich ein Symbol für die kaputten Seelen der Jemeniten.» Und die seien Fakt.

Murad Subay hat die halb eingerissene Mauer in ein Kunstwerk verwandelt. Jetzt blickt ein ausgemergelter Mann auf die Passanten. Er sitzt auf einem TNT-Fass wie auf einem normalen Hocker. Seine Augen sind tief eingefallen, nur noch schwarze Löcher. Das Haar gleicht einem abgebrannten Wald. Die trostlose Gestalt spielt Oud, die orientalische Laute.

«Fuck war» heisst das Wandgemälde. Murad Subay entschuldigt sich für diese Ausdrucksweise. Aber das sei nun mal die beste Beschreibung dessen, was ihm und seinen Landsleuten im Jemen durch den Kopf gehe.

Murad Subay, 1987 in Dhamar, im zentralen Hochland Jemens, geboren, ist mit Konflikt und Krieg aufgewachsen. 1994, kurz vor Beginn des Bürgerkriegs, zog er mit den Eltern und seinen sechs Geschwistern nach Sanaa. Dort studierte er englische Literatur, begann aber schon als Jugendlicher zu malen. Seine Familie habe ihn immer ermutigt, erzählt er dankbar. Seine ersten politischen Erfahrungen sammelte er bei den Studentenprotesten 2008. Die Sicherheitsleute auf dem Campus der Universität wollten ihm damals die langen lockigen Haare abschneiden. Er trägt sie heute noch so und lacht bitter: «Damals fingen wir an zu lernen, Nein zu sagen, auch zu den vielen grossen Ungerechtigkeiten in unserem Land.»

Mit Mauerbildern erinnern

Als die Aufstände 2011 auch Sanaa ergriffen, ging Subay mit auf die Strasse. Ein Jahr später tauschte er dann zum ersten Mal die Leinwand gegen Strassenmauern. «Colour the walls of your street» lautete das Motto seiner ersten Kampagne. Dabei ermutigte Subay vor allem Junge, die Mauern in ihren Vierteln, die bei Kämpfen beschädigt worden waren, mit bunten Farben zu verschönern.

Ebenfalls 2012 startete er die Kunstaktion «The walls remember their faces». Zusammen mit Angehörigen malte er Schwarzweissporträts von mehr als hundert Vermissten an Wände. «Als die Familien mit mir auf die Strasse gingen, um ihre verschwundenen Väter, Brüder, Söhne zu malen, kamen sie mit den Passanten ins Gespräch», berichtet Subay nicht ohne Stolz. «Bis dahin war das Schicksal ihrer Verwandten totgeschwiegen worden.» Über sieben Monate war Subay für die Aktion in Sanaa, Aden, Taiz und Hodeida unterwegs. Nicht selten wurden die Vermisstenbilder über Nacht übertüncht. «Doch die Familien gingen zurück und malten die Bilder neu, manche bis zu zehnmal.»

Unbeeindruckt von Krieg und politischer Gängelung arbeitete auch Subay weiter. Manchmal ist die Direktheit seiner Werke kaum zu ertragen. Ein Kindersoldat träumt vom Fussballspielen, ein kleines Mädchen giesst eine Rose, die aus einem Granatwerfer entspringt. Insbesondere diese vordergründig pittoresken Motive ähneln denen von Banksy, dem britischen Street-Art-Künstler, mit dem Subay immer wieder verglichen wird. Er lächelt, wenn er darauf angesprochen wird, aber die Art, wie sie arbeiteten, sei doch sehr verschieden. Er selbst male gerne mit Menschen zusammen. Oft bringt er den AnwohnerInnen der Viertel, in denen er malt, deshalb Farbe und Pinsel mit. Und vielleicht seien Zuschauende und Mitwirkende für ihn sogar ein Schutz.

Nicht für oder gegen

«Faces of War» heisst Subays jüngste Street-Art-Serie, mit der er sich aber nicht auf die Seite einer Kriegspartei stellen wolle, wie er betont. «Kunst ist nicht für oder gegen etwas. Sie soll nur darstellen, wie sehr alle Beteiligten unter dem Krieg leiden», sagt Subay betont diplomatisch, ehe es aus ihm herausbricht: «Die einen haben die Hauptstadt besetzt. Die anderen kommen mit Flugzeugen und zerstören das Land. Ich bin jemand aus dem Volk. Zu dem halte ich und sonst zu niemandem.» Solche Ansichten genügen, um sich im Jemen in Gefahr zu begeben; bereits zweimal wurde der Künstler festgenommen. Die meisten Menschen würden deshalb zu allem schweigen. Nicht seine Art, stellt Subay trotzig fest.